K.’s Pfeile – Einblick in das Therapeutische Bogenschießen

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Gastbeitrag von Bogenwege Berlin

K.hat in dieser Stunde schon einige Pfeile geschossen, alle gleichmässig und dicht nebeneinander auf der Scheibe platziert. Doch sobald sie den Pfeil abgeschossen und sein Auftreffen auf der Scheibe gesehen hat, dreht sie den Kopf schnell weg und greift zum nächsten Pfeil.

Würde ich K. nun nur in der Technik des Bogenschießens unterrichten, würde ich ihr wohl den Tip geben, den Pfeilflug zu begleiten und genauer zu beobachten, um diesen in sich abzuspeichern und somit ihre Trefferquote beibehalten und weiter erhöhen zu können.

Jedoch kommt K. nicht zu mir, um ihre Technik zu verbessern, sondern weil sie sich auf einen therapeutischen Prozess mit dem Bogen eingelassen hat.
Was bedeutet dies ?

Therapheutische Arbeit mit dem Bogen

In der therapeutischen Arbeit mit dem Bogen wird dieser zu einem Gegenüber, das widerspiegelt womit wir gerade beschäftigt sind, was uns blockiert und festhält, aber auch wo unsere Fähigkeiten und Ressourcen liegen.
Dahinter steht das Wissen der Psychotherapie, dass alles, was wir erlebt haben und was einen Eindruck hinterlassen hat, auch seinen Abdruck in uns hinterlässt. Oft wird dies mit der Zeit vergessen oder verdrängt. Vor allem in existenziell wichtigen oder für uns bedrohlichen Situationen, bemerken wir jedoch, dass wir oft „automatisch“ einem ganz bestimmten Handlungsmuster folgen; bestimmte Glaubenssätze uns beherrschen und wir uns von diesen leiten lassen. Dies ist nicht weiter besorgniserregend, wenn diese uns in unserer Entwicklung unterstützen und voranbringen. Problematisch wird es jedoch, wenn wir uns dadurch immer wieder selbst „sabotieren“; nicht das erreichen was wir eigentlich erreichen wollen oder immer wieder in die gleichen Fallen stolpern.

K. hat alle Pfeile geschossen. Sie legt den Bogen zu Boden und wendet sich ohne noch einen Blick auf die Scheibe geworfen zu haben hastig ab. So als könne und wolle sie ihre Treffer nicht wahrhaben.

Ich lasse sie ihre Pfeile ziehen und gebe ihr für die nächste Runde als Aufgabe mit, einmal genauer zu beobachten, was sie während des Release (= Freigeben des Pfeiles) bei sich wahrnimmt.
Wieder fliegen die Pfeile.
Als erstes fällt ihr auf, dass sie den Kiefer anspannt und ihre Zähne aufeinander beisst; bei weiterem Beobachten wird ihr bewusst, dass sie die Luft anhält anstatt auszuatmen. Ich bitte sie für die nächsten Pfeile dies weiter zu beobachten.

Auftretende Schwierigkeiten, Hindernisse oder Blockaden werden in der therapeutischen Arbeit mit dem Bogen nicht per se und sofort zu lösen oder gar zu beseitigen versucht.
Im Gegenteil verändern wir sie meist gar nicht, sondern verweilen hier sogar länger, um nachzuspüren und in Resonanz zu gehen, was dadurch mit uns geschieht. Dies erfolgt in einer „inneren Achtsamkeit“, die so viel wie möglich wahrnimmt ohne zu bewerten oder gleich interpretieren zu müssen. Wir sammeln Details um so ein immer genaueres Zustands-Bild entwerfen zu können. Das was sich dabei zeigt ist nicht „zufällig“, sondern folgt einer inneren Logik, auch wenn diese manchmal von aussen nicht nachvollziehbar erscheint.

Strategien zur Schmerzvermeidung und Lustgewinnung

In der therapeutischen Arbeit wissen wir, dass all unsere Handlungs- und Verhaltensmuster ihren Grund haben, auch wenn uns dieser manchmal nicht (mehr) bewusst ist. Wir haben im Laufe unseres Lebens Strategien entwickelt, um Schmerz zu vermeiden und Lust zu gewinnen; uns vor Verlust zu schützen und Freude und Vertrauen zu bewahren. Viele dieser Strategien sind auch heute noch sinnvoll und förderlich. Andere dagegen entsprechen nicht mehr unserer heutigen Lebenswirklichkeit und werden zu unserem eigenen Gefängnis, das uns einengt und behindert. Um diese geht es vor allem in der therapeutischen Arbeit – denn hier liegt nicht nur das „Problem“ begraben, sondern häufig auch der Schlüssel um es verändern, wenn nicht sogar lösen zu können.

„Ich glaube, ich atme überhaupt nicht aus und dreh mich dann nach jedem Pfeil ganz schnell weg weil ich gar nicht so genau sehen will, was da vorn passiert ist…“
Als ich sie frage ob sie denn ungefähr weiss, was „da vorn geschehen ist“, nickt K. „Ja, das ist gut – aber irgendwie kann ich nicht glauben, dass ich das war… Als könnte dies gar nicht sein… Oder besser – darf nicht sein… “. Und dann steigen Tränen in ihren Augen hoch.
Wir setzen uns, den Bogen zwischen uns, die restlichen Pfeile im Köcher legt sie neben sich. Beide spüren wir, dass da gerade eine tiefe Wahrheit ausgesprochen wurde; etwas dass K zutiefst kennt. Eine ganze Weile herrscht Stille.

Dann huscht ab und an ihr Blick zu den Pfeilen in der Scheibe, als müsste sie sich wieder und wieder versichern, dass das was sie dort sieht real ist.
„ Und – gefällt Dir, was Du da siehst ?“ frage ich sie, als sie wieder einmal verstohlen zur Scheibe blickt. Ein leichtes Lächeln, ein Kopfnicken, ein Hauch von Freude. Ich schlage vor, dass sie noch ein paar Pfeile mit dieser Freude schießt, und sich daran erfreut und erfreuen darf wie gut sie ist.
„Einverstanden ?“. K. nickt, schnappt sich Bogen und Köcher, springt auf, und positioniert sich nochmals vor der Scheibe.
Ein Pfeil, ein zweiter und ein dritter – mitten hinein in die Lücken der anderen. Und das Lächeln auf dem Gesicht von K. wird stärker, ihre Haltung aufrechter und ihr Blick verweilt jedes mal ein klein wenig länger bei den Pfeilen.

Einschränkungen durch Leistungsdenken

Ein berühmtes Zitat der Gestalttherapie, einer Form erfahrungsorientierter Psychotherapie, lautet: „Don´t push the river. It flows by itself.“ * Wenn wir darauf vertrauen, dass alles, wie in der Natur um uns, seinen eigenen Entwicklungs- & Reiferhythmus besitzt, müssen wir nichts antreiben oder voran drängen. Es genügt Raum und Zeit zu lassen; einen kleinen Impuls zu geben, und der Ball wird ins Rollen geraten. Was sich geschrieben so einfach und mühelos anhört, ist allerdings eine der schwierigsten Aufgaben. Denn wir alle sind so sehr durch Leistungsdenken, dem „Schneller-Höher-Weiter-Besser“ geprägt, dass wir fast schon meinen, Verlangsamung oder gar Innehalten würden unsere Weiterentwicklung nicht nur blockieren sondern gar verhindern. Dabei wissen wir alle, gerade auch beim Bogenschießen, um den „richtigen“ Moment; die Zeit die es braucht, bis ein bestimmtes technisches Problem sich lösen kann. Pfeil und Bogen erleichtern diesen Vorgang ungemein, denn sie zeigen präzise, wie weit wir gerade sind und was es noch nachzubessern gilt. Und noch etwas kommt dazu – die Vorstellung, die Vision dessen, wie es auszusehen hat. Es gibt dieses klare Bewusstsein von „richtig“ oder „gut“ in uns, das uns,
auch wenn wir es noch nicht umsetzen können, leitet.

Das Potential ist als Keim in uns angelegt, es geht darum dies zum Wachsen und Blühen zu bringen.

Der fünfte, sechste und siebte Pfeil fliegt. K. ist in ihrem „Flow“, ihr Atem fliesst immer regelmässiger; ab und an ist ihr Ausatmen auch hörbar. Dann holt sie den letzten Pfeil aus ihrem Köcher, nockt ihn ein. Und wendet ihren Kopf direkt zur Scheibe. Kein scheuer Blick sondern ein fester, klarer. Ein tiefes Ein – & Ausatmen, dann spannt sie den Bogen holt ihn zu sich, ohne die geringste Veränderung ihrer Haltung; verweilt in der Spannung, im Anker, ein, zwei, drei, vier, fünf Sekunden lang – und löst die Sehne.
Der letzte Pfeil fliegt mit einem lauten Freudenschrei von ihr begleitet durch die Luft; mitten ins Schwarze der Scheibe.

Durch Bogenschießen Größe, Stärke und Selbstwirksamkeit finden

Wenn mich jemand fragt, was für mich das befriedigende an dieser Art der therapeutischen Arbeit ist, dann sind dies zweierlei Momente. Zum einen das intensive Mit-dem-Bogen-sein meiner KlientenInnen, ihr Offenheit, Neugier und Spielfreude in der Begegnung mit diesem.
Zum anderen diese „Goldstaub-Momente“, wenn das, was vorher so viel Schmerz und Angst erzeugte, verstrickt und unabwendbar schien, auf einmal dem eigentlichen Potential Platz macht; wenn meine KlientenInnen zu ihrer eigenen Größe, Stärke und Selbstwirksamkeit durch den Bogen finden.
Für mich ist daher seit vielen Jahren der Bogen ein unschätzbarer Partner in der therapeutischen Arbeit, Durch seine Unmainpulierbarkeit spiegelt er unmittelbar und direkt wieder was gerade ist – wie ein Spiegel, der nichts verzerrt oder beschönigt. Das ist nicht immer schön oder leicht anzusehen. Doch wenn wir dabei bleiben und uns nicht gleich abwenden, liegt darin ein großes Entwicklungspotential.

Latifa Rothacker, ausgebildete Bogentherapeutin, lebt und arbeitet in Berlin mit Einzelpersonen und auch Gruppen.
Im Frühjahr und Oktober 2019 werden wiederum meine modularen Fort-& Weiterbildungen therapeutisches Bogenschießen mit Elementen aus Hakomi und Gestalttherapie in Berlin stattfinden. Diese sehr praxis- und selbsterfahrungsbezogene Fort-& Weiterbildung richtet sich an alle, die am Medium Bogen interessiert sind.
Weitere Infos sind auf meiner Website www.bogenwege-berlin.de oder direkt bei mit unter info@bogenwege-berlin.de zu erfragen.

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